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Beckmann ist am Zug

Es war schon spät. Beckmann stand in der Tür.

"Ich muss mit dir sprechen! Die ganze Zeit schlepp ich's mit mir rum. Ich muss endlich mit jemandem reden!"

"Setz dich an den Küchentisch. Ich mache uns Tee. Dann hör ich mir deine Geschichte an."

Er setzte sich. "Ich war doch beim Arzt, neulich, ..."

Während er mir seine Geschichte erzählte, setzte ich Wasser auf, stellte alles bereit: Kanne, Tassen und die Teeblätter, braunen Kandis und zwei Löffel.

Warum ich mir Beckmanns Monologe immer wieder anhöre? Nun, zum einen ist das mein Beruf. Ich bin professioneller Geschichtenhörer. Ich höre mir - gegen Bezahlung - die Geschichten anderer Leute an. Sie finden es merkwürdig, dafür Geld zu nehmen? Aber ich bitte sie, jeder bekommt doch sein Geld dafür, dass er etwas besitzt, das ein anderer brauchen kann. Einer hat etwas und bietet es an, ein anderer will es haben. Der Markt bestimmt den Preis, entsprechend Angebot und Nachfrage - Volkswirtschaftslehre, erstes Semester!

Früher, so weiß man, gab es Menschen, die davon lebten, dass sie Geschichten erzählten. Offensichtlich gab es damals Unzählige, die das Bedürfnis hatten, sich Geschichten anzuhören. Mit anderen Worten, es gab einen Markt für Erzähler.

Heute ist es genau umgekehrt. Da wollen alle reden. Jeder möchte seine Geschichte erzählen, aber es gibt keinen mehr, der zuhören kann - oder will. Na ja, und das hab ich frühzeitig erkannt und professionalisiert. Mit den Jahren konnte ich immer besser davon leben. Meine Vorstellungen von Lebensqualität ließen sich realisieren, meine Ansprüche an Wohnkultur umsetzen: Haus und Praxis stehen in bevorzugter Wohnlage an einem Südhang mit unverbaubarer Aussicht. An das Haus angegliedert: ein Traum von einem Wintergarten, in den Schwimmbecken, Whirlpool und Saunabereich integriert sind.

Effizientes Arbeiten in meinem Beruf beruht auf folgenden drei Prinzipien: Präsenz, Kontinuität und Kalkulierbarkeit! Oberste Maxime: Nicht raten - sondern zuraten. Ich gebe keinen Rat, sondern ich rate meinen Klienten zu! Zu dem, wozu sie eh' schon entschlossen sind. Soll mir keiner weis machen, sie wären nicht alle zu etwas entschlossen, grade die, die am lautesten nach Rat schreien! Grade die! Das zu erkennen hat mich Jahre gekostet - glauben sie mir! Was Präsenz anbelangt, so umfasst mein Leistungsangebot die Hotline-Mailbox: ,Rent an Ear!' Dort kann man unter einer 0190er-Vorwahl anrufen und auf's Band sprechen, rund um die Uhr - 365 Tage im Jahr, verbunden mit der Garantie, dass die Texte persönlich abgehört werden, von mir oder einem meiner Studenten. Jawohl, ich lehre auch, seit geraumer Zeit schon. Die Nachfrage ist riesengroß. Ein boomender Markt ungeheuren Ausmaßes. Da sind Pioniere wie ich gefragt, Männer der ersten Stunde, wenn es darum geht, junge Menschen zu verantwortungsvollen Hör-Therapeuten auszubilden.

Natürlich gibt es auch hier einen grauen Markt, auf dem sich Amateure tummeln, Laien, die stümperhaft zuhören, oft honorarfrei, oft in guter Absicht, aber eben vollkommen unprofessionell. Meist dient bei ihnen das Zuhören als Vorwand, von sich selbst zu sprechen. Na ja, der Kunde merkt sowas natürlich schnell. Auf die Dauer wird er sich für Qualität entscheiden. Und die hat eben ihren Preis, wie alles im Leben.

Um auf Beckmann zurückzukommen: er hatte pausenlos erzählt. Manchmal hatte er mich fragend angeschaut, und ich hatte ihm zugenickt. Dann hatte er weitergesprochen. Ich hatte die Teekanne vorgewärmt, die Darjeeling-Teeblätter bemessen,sie eingefüllt und überbrüht. Der Tee hatte vier und eine halbe Minute gezogen. Ich goss ihn in die vorgewärmten Tassen.

Sie wundern sich vielleicht, dass ich Beckmann Tee anbot, noch dazu in meinen Privaträumen. Nun, das hängt damit zusammen, dass wir so etwas wie Freunde sind - obwohl ich mit diesem Begriff eher sparsam umgehe. Bei Beckmann und mir ist es so, dass ich ihn von Kind an kenne. Ich war elf, als er geboren wurde. Seine Eltern wohnten ein paar Häuser weiter. Ich mochte ihn, weil er anders war als die anderen Kinder. Er hatte Phantasie. Manchmal kam er und besuchte mich. Er konnte kaum sprechen, da fing er schon an zu erzählen. Damals schon, vor über dreißig Jahren, begann Beckmann damit, mir Geschichten zu erzählen. Damals schon hörte ich anderen beim Erzählen zu. Die Geschichten der anderen Kinder waren schnell erzählt und glichen einander: sie sprachen von dem, was sie getan und erlebt hatten. Beckmann hingegen sprach - schon als Kind - von dem, was er tun würde, von seinen Träumen und Phantasien. Ob er sie realisierte, war unwichtig, im Moment des Erzählens waren sie wirklich, und das genügte.

Wissen sie, ursprünglich hatte ich mir meine berufliche Laufbahn auch anders vorgestellt: Ich hatte Musik gemacht, hatte geschrieben: Lieder, Märchen, Erzählungen. Ich hatte öffentliche Auftritte als Liedermacher, die gar nicht schlecht ankamen - nur leben konnte ich davon nicht.Und leben wollte ich! Leben muss der Mensch - so oder so! Und dann doch lieber so! Es tut einfach gut, wenn einem der Erfolg recht gibt!

Nehmen sie Beckmann und seine Geschichte. Ich will sie ihnen referieren; nein, keine Angst, ich werde sie nicht mit Emotionen und Détails langweilen. Ich werde mich auf die reinen Fakten beschränken. Zuerst erzählte er mir, dass sein Arzt bei einer Routineuntersuchung Knötchen unter Beckmanns Achselhöhle festgestellt hatte, deren Charakter analysiert werden musste. Stationäre Untersuchung in einer Spezialklinik, Computertomographien, Gewebe-Entnahmen. Ergebnis: Beckmann hatte Lymphdrüsenkrebs - unheilbar. Weitere Lebenserwartung: zwischen vier und sechs Monaten - statistisch gesehen. Beckmann hatte sich da in Zeitschriften kundig gemacht.

Was er tun solle, so fragte er mich. Ich nickte ihm aufmunternd zu. Da fuhr er fort, dass er vorhabe, tabula rasa zu machen: er wolle jedweden Ballast abwerfen, nicht eine Sekunde vergeuden, das Leben genießen, sich an dem freuen, was ihm geblieben sei, das machen, was noch zu machen ginge. Zwei Faktoren setzten Beckmanns Vorhaben die Grenzen: die Zeit und das Geld. Die Zeit, die ihm bliebe, könne er nicht verlängern. Und was das Geld anginge, so sei das an und für sich nicht das Problem, doch sitze ihm da ebenfalls die Zeit im Nacken. Er erklärte mir warum.

Beckmann war nicht unvermögend. Er bewohnte eine Villa, sein Elternhaus,. Das Grundstück war riesengroß und schloss zwei Bauplätze ein, die separat verkaufbar wären. Haus und Grundstück hatten einen geschätzten Wert von gut einer halben Million Mark. Da eines von Beckmanns Charakteristika chronischer Geldmangel war, hatte er sich im Lauf der Jahre immer mehr Geld von der Bank geliehen, die sich Hypotheken ins Grundbuch hatte eintragen lassen. Nun war die Beleihungsgrenze von sechzig Prozent des Verkehrswertes erreicht. Beckmann schuldete der Bank knapp dreihunderttausend Mark. Mehr würde sie ihm nicht leihen. Ein sofortiger Verkauf der Immobilie durch Beckmann selbst war aus folgendem Grund schwierig: es galt zuvor, technische Details baurechtlich zu klären, vertraglich zu regeln: Bebauungsgrenzen, Wegerechte, Erschließung, Abwasser-Entsorgung. Das würde Zeit erfordern. Und diese Zeit hatte Beckmann nun nicht mehr zur Verfügung, es sei denn er hätte erheblich unter Wert verkauft, was gegen seine Natur war. Da war ihm die Idee gekommen, einen "Abwickler-Erben" zu suchen. Der würde von Beckmann zum Universalerben eingesetzt und gäbe ihm im Gegenzug dafür jetzt einhundertfünfzigtausend Mark. In wenigen Monaten würde er dafür mindestens zweihunderttausend zurückbekommen, wenn er, nach Beckmanns Tod, Haus und Grundstücke verkaufte, und die Hypothekenschuld beglichen wäre. Mit Einsatz könne er leicht ein Vielfaches erzielen, beispielsweise wenn er selbst als Bauherr aufträte und beide Hanggrundstücke mit einem Terrassenhaus bebaute, einer Eigentumswohnanlage nach dem Bauherrenmodell etwa - interessant für Investoren.

Diesen Erben wolle er suchen und finden. Ob ich ihm da zuraten könne? Ich nickte. Ob ich jemanden wisse, der dafür in Frage käme? Ich schüttelte den Kopf und versprach Beckmann, dass ich ihn anriefe, wenn mir jemand einfiele. Beckmann bedankte sich, trank seinen letzten Schluck Tee aus, der längst kalt geworden war. Wir verabschiedeten uns.

Ich ließ mir die Sache gründlich durch den Kopf gehen. Drei Tage später ging ich zu Beckmann. Ich war zu dem Entschluss gekommen, dass ich ihm helfen würde! Schließlich waren wir alte Freunde. Natürlich musste alles seine Ordnung haben, musste notariell beurkundet werden. Beckmann stimmte zu. Ich machte zur Bedingung, dass Beckmann zuvor seinen Arzt von der Schweigepflicht entband, damit ich mit ihm reden konnte. Beckmann willigte ein. Und schließlich machte ich ihm klar, dass ich ein erhebliches Risiko einging: er hatte die Erbschaftssteuer in seinen Überlegungen nicht berücksichtigt und nicht die Bankzinsen, die zu zahlen waren bis Gelder zurückflossen. Ich schlug vor, ihm einhunderttausend zu geben. Wir trafen uns bei einhundertfünfzehntausend.

Die erforderlichen Schritte wurden getan. Ich sprach mit Beckmanns Arzt, wir gingen zum Notar, ich überwies das Geld.

Ich habe einen sehr guten Architekten. Ihm gab ich den Auftrag, sich der Sache anzunehmen und mir verschiedene Alternativen auszuarbeiten: Aufwand, Ertrag und Risiken zu beziffern und einen Zeitplan vorzulegen. Die Ergebnisse ließen sich sehen.

Von Beckmann hörte ich fast vier Monate nichts. Eines Abends klingelte er an der Wohnungstür. Ich öffnete und bat ihn herein. Beckmann blieb stehen und schluckte. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wie kann ich's dir erklären?"

Ich hatte ein ungutes Gefühl. "Na, komm doch rein, setz dich her und erzähl mir einfach, wie's weitergegangen ist mit dir und deiner Krankheit. Wo hast du gesteckt, was hast du getrieben die letzten Monate?"

Er setzte sich. Na ja, er habe versucht, es sich so gut wie irgend möglich gehen zu lassen, sei viel gereist, habe sich die Welt angeschaut, gut gegessen und getrunken. Eine Weile habe ihm das Vergnügen bereitet, doch dann habe er immer stärker seine Einsamkeit erfahren und an ihr gelitten. Freunde? Ihm sei aufgegangen, dass er keine habe! Er habe gemerkt, wieviel Angst die Menschen hätten. Das habe ihn an seine eigenen Halbheiten erinnert und daran, wieviel er selbst aus Rücksicht auf die Angst im Leben unterlassen habe. Aber nun, da er nicht mehr lange zu leben hatte, wovor noch sollte er sich fürchten? Was hinderte ihn daran, das zu tun, wonach er sich sehnte?

Beckmann hatte sich lange ein Kind gewünscht. Doch er, der Angst vor Nähe hatte, fürchtete, die feste Bindung an Dagmar, seine langjährige Lebensgefährtin, die sich aus eben diesem Grunde vor zwei Jahren von ihm getrennt hatte, obwohl beide einander im Grunde liebten. Also sei er hingegangen und habe sie neu umworben, habe ihr einen Heiratsantrag gemacht, ihr gesagt, dass er sich ein Kind mit ihr wünsche. Und sie, die nach der Trennung von ihm keine feste Beziehung eingegangen war - ebensowenig wie er selbst - habe sich anfangs zwar geziert und ihn abgewiesen, er aber habe nicht locker gelassen. Resultat: Sie beide hätten vor ein paar Tagen geheiratet. Dagmar sei schwanger!

Ich wollte aufspringen, ihm die Hand drücken und gratulieren, aber sein sonderbarer Gesichtsausdruck hielt mich davon ab. Mein ungutes Gefühl verstärkte sich. "Wo ist das Problem?", fragte ich ihn, "Lass mich raten: Du weißt nicht, wie du es Dagmar beibringen sollst?"

Er schüttelte den Kopf. "Nein, das ist es nicht. Nein, gerade das ist es nicht!"

"Was denn dann?"

Wieder schluckte er. Er könne es nicht verstehen. Auch der Arzt hätte keine Erklärung. Er sage, das sei in seiner Praxis noch niemals vorgekommen, dass bei einem Lymphdrüsenkrebs in diesem Stadium je eine Spontanheilung eingetreten sei, und wenn Beckmann nicht vor ihm stünde und er es mit eigenen Augen sähe, er würde es nicht glauben!

Nun stellen sie sich bitte die Situation vor, in die Beckmann mich gebracht hat! Gewiss wünscht kein Mensch einem anderen den Tod, ich am allerwenigsten. Auf der anderen Seite: Beckmann ist doch ein erwachsener Mann, der wissen sollte, was er zu tun und zu lassen hat.

Natürlich hatten wir kein Datum einsetzen können in unseren Vertrag. So etwas sei sittenwidrig, hatte der Notar bestätigt, das könne er nicht beurkunden.

Beckmann hatte um Hilfe gebeten. Ich habe ihm geholfen. Meinen Teil des Vertrages habe ich gewissenhaft erfüllt. Nun wäre es an Beckmann! Beckmann ist am Zug!

Mit dieser Geschichte habe ich mich beim Wettbewerb um den 7. Würth-Literaturpreis 1999 beteiligt. Das Thema war vom Inhaber der Tübinger Poetik-Dozentur Professor Gerhard Köpf gestellt worden und lautete: "Noblesse, Stil und Eleganz". Der erste Preis wurde unter fünf Autoren geteilt. Ich war einer davon.