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Erde

Der Mann ist alt und schwarz. Er hebt die Bierdose an und nickt mir zu: "Cheers!" Ich proste zurück - ihm und den anderen drei Männern auf der Parkbank mir gegenüber. Wir trinken. Budweiser. Zu kalt und zu leicht, um sich zu betrinken, wenn man deutsches Bier gewohnt ist. Die Bänke stehen auf dem Grün- streifen, der den Broadway in New York teilt: Rechts von mir vier Straßenspuren in Richtung Norden, links vier nach Süden.

Sommer 1970 und ich bin zwanzig. Lori und Linda wollten mich mitnehmen ins Kino zu zwei Kultfilmen mit Mae West und W.C.Fields. Die am Broadway gesehen zu haben, das sei cool. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten ohne mich ins Kino gehn. Ich wollte lieber einen Sixpack Bier kaufen und mir draußen auf der Straße den Live-Film anschauen.

Der alte Mann sieht mich an.

"Hast du jemals Erde gerochen, wenn sie gerade gepflügt worden ist?"

Ich schüttele den Kopf.

"Unten in Mississippi ist sie schwarz, gute, schwarze Erde! Und du weißt nicht, wie sie riecht, Mann? Hm, da bist du arm dran."

Ich zucke die Achseln - und der alte Mann schließt die Augen: "Großvater hatte zwei Maultiere zum Pflügen, Lula und Belle und ich >bin morgens früh mit raus aufs Feld. Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich den Duft der schwarzen Erde vermisse?"

Ich nicke impulsiv: "Na klar, kann ich das - yes, I can."

Der alte Mann sieht mich prüfend an. "No, you cannot!" Ruhig und fest sagt er das - und ich weiß, er hat Recht.

Der alte Mann spricht weiter: "Bei Sonnenaufgang dampft die Erde und sie erzählt dir ihre Geschichte. Wenn du gut zuhörst, kannst du dabei 'ne Menge über dich selbst erfahren. Aber du musst still sein und den Schnabel halten. Die Erde spricht nicht zu Schwätzern."

Wir trinken unsere Bierdosen leer. Der alte Mann hat nichts mehr zu mir gesagt.

Gestern habe ich vier Rosenstöcke gesetzt, in dem Beet entlang der Mauer zur Haustür. Da ist mir der alte Mann wieder eingefallen.

An der Nahe, in der Gegend um Bad Sobernheim, ist die Erde nicht schwarz wie in Mississippi, rot-braun und lehmig ist sie hier. Ich habe die Rosen auch nicht bei Sonnenaufgang, früh am Morgen, gepflanzt, es war später Nachmittag, bei leichtem Nieselregen. Aber gerochen habe ich die Erde. Und sie hat zu mir gesprochen. Sie hat mir gesagt, dass ich reich bin.

Mit dieser Kurzgeschichte habe ich mich am Wettbewerb von Lotto Rheinland-Pfalz um den Kunstpreis 2007 beworben und den fünften Preis gewonnen. Thema des Wettbewerbes war "Natur und Umwelt".